{"id":4937,"date":"2019-03-07T11:21:54","date_gmt":"2019-03-07T10:21:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.women-in-exile.net\/?p=4937"},"modified":"2019-03-07T11:21:54","modified_gmt":"2019-03-07T10:21:54","slug":"redebeitrag-wir-sind-eine-internationale-frauengruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.women-in-exile.net\/en\/netzwerk\/redebeitrag-wir-sind-eine-internationale-frauengruppe\/","title":{"rendered":"Redebeitrag: Wir sind eine internationale Frauengruppe."},"content":{"rendered":"\n<p><em>Redebeitrag am internationalen Frauentages von G\u00f6ttinger Frauengruppe <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Viele\nFrauen von uns mussten aus verschiedenen L\u00e4ndern fliehen, weil \nKriege uns t\u00f6ten und die Lebensgrundlage f\u00fcr uns und unsere\nFamilien zerst\u00f6ren. Wir mussten fliehen, damit unsere M\u00e4nner, S\u00f6hne\nund Br\u00fcder nicht auch t\u00f6ten m\u00fcssen. Und wir sind geflohen vor\neinem strengen Regime der M\u00e4nner \u00fcber die Frauen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere\nverschiedenen Wege hierher sind gepr\u00e4gt von unvorstellbaren\nStrapazen, Schmerzen, Gewalt, Vergewaltigungen und Tod. Wir haben das\nnur geschafft, weil wir die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht\naufgegeben haben &#8211; Die Hoffnung auf  gerechtere Chancen f\u00fcr uns und\nunsere Kinder, die Hoffnung auf mehr Freiheit und auf M\u00f6glichkeiten\nder Selbstentfaltung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In\nDeutschland angekommen,\nhaben wir alle die entw\u00fcrdigende Situation der Lagerunterbringung\nerlebt, die uns gefl\u00fcchtete Frauen einer zus\u00e4tzlichen Bedrohung\ndurch sexistische Gewalt aussetzt. Diese Bedrohung geht sowohl von\nanderen gefl\u00fcchteten Personen aus als auch von dem Wachpersonal. Sie\nh\u00e4lt jede Frau in den Lagern in Angst und Schrecken. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In G\u00f6ttingen werden diese Verh\u00e4ltnisse besonders in dem Lager an der Siekh\u00f6he immer noch weiter aufrecht erhalten. In dieser fensterlosen Lagerhalle wird den Menschen jegliche Privatsph\u00e4re genommen. Damit fehlt den Frauen zus\u00e4tzlich dringend ben\u00f6tigter Schutz und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit vor sexualisierter Gewalt. Frauen, M\u00e4nner und Kinder werden bis heute gezwungen, hier \u00fcber Monate leben zu m\u00fcssen. <br> Wir k\u00f6nnen und wollen es nicht hinnehmen, dass in diesem und in vielen anderen Lagern in Deutschland die Menschen ihrer Freiheit beraubt werden und das unsere Schwestern hier weiter einer st\u00e4ndigen Bedrohung ausgesetzt sind. <br> <strong>Deshalb d\u00fcrfen besonders Frauen und Kinder nicht in Lagern untergebracht werden! <br> Deshalb muss das Lager Siekh\u00f6he dringend geschlossen werden!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wir, die wir zum Teil jetzt schon seit ein paar Jahren in dieser Stadt leben, wir besuchen zuerst einmal Deutschkurse. Zum Teil sind wir bisher noch nie zur Schule gegangen, haben nicht gelernt, unsere eigene Sprache zu schreiben. Da ist es ungeheuer schwer, diese fremde Sprache zu schreiben, zu lesen, zu sprechen, zu verstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn wir nach Hause kommen, dann warten unsere Kinder, unsere Familie auf uns. Wir kochen, putzen und pflegen alle nach der Schule. F\u00fcr Hausaufgaben bleibt da oft keine Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Und die jungen Frauen von uns, die noch zur Schule gehen oder schon eine Ausbildung machen, wissen genau, dass sie zielstrebig einen Bildungsschritt nach dem anderen machen m\u00fcssen, um sich einen sicheren Status zu erk\u00e4mpfen. Das ist ein Leistungsdruck,  der an unser Bleiberecht und damit an unsere Existenz gekoppelt ist.  <\/p>\n\n\n\n<p>Und\nwenn wir uns so kleiden, wie wir es gewohnt sind, wenn wir Kopft\u00fccher\ntragen, dann erleben wir Diskriminierung deswegen. Unsere T\u00f6chter\nwerden h\u00e4ufig in den Schulen angefeindet und ausgeschlossen. Die\nWohnungs \u2013 und die Jobsuche ist mit Kopftuch erheblich schwieriger.\nUnd auf der Stra\u00dfe erleben wir verdeckte bis offene Bedrohung.<\/p>\n\n\n\n<p>\nGleichzeitig\nerwarten unsere Familien und unsere Herkunftsgesellschaft, dass wir\ndie zu Hause gelernten Regeln und Gesetze einhalten. So wird von uns\neine bestimmte Form der Kleidung erwartet. Zudem wird von uns Frauen\nan erste Stelle die Versorgung der M\u00e4nner, der Schwiegereltern und\nder Kinder erwartet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nF\u00fcr\nuns bedeutet jeder Schritt aus diesen traditionellen Rollen eine\nenorme Kraftanstrengung, die mit sehr viel Druck und\nAuseinandersetzungen mit unseren Familien und M\u00e4nnern verbunden\nsind. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nWir\nk\u00f6nnen solche Schritte aber nur gehen, wenn wir sicher sein k\u00f6nnen,\ndass wir tats\u00e4chlich hier bleiben k\u00f6nnen. Weil Abschiebungen f\u00fcr\nuns Frauen besonders bedrohlich sind.<br>\nWeil die Gesellschaft zu\nHause unser Streben nach selbstbestimmtem Leben hier in Deutschland\ngenau registriert und auf keinen Fall akzeptiert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Abschiebung\nhei\u00dft f\u00fcr uns Frauen Tod, weil wir gegen die traditionellen Regeln\nversto\u00dfen haben.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nbedeutet andersherum, dass hier beschriebene Freiheiten f\u00fcr uns\nnicht gelten, solange wir keine Sicherheit vor Abschiebung haben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Frauen von uns haben auch kein eigenst\u00e4ndiges Aufenthaltsrecht. Das hei\u00dft, dass unser Bleiberecht an das unserer M\u00e4nner und an die Ehe gebunden ist. Das verhindert zus\u00e4tzlich ein selbstbestimmtes Leben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deshalb muss der aufenthaltrechliche Status von Frauen grunds\u00e4tzlich unabh\u00e4ngig von dem der M\u00e4nner sein!<br> Au\u00dferdem muss jeder Antrag auf Aufenthalt von Frauen ohne Gegenfragen akzeptiert werden!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Spagat zwischen Erwartungen und Druck von allen Seiten ist es f\u00fcr uns besonders schwer, herauszufinden, was wir eigentlich selber wollen. <br> Deswegen ist es f\u00fcr uns wichtig, dass wir sichere R\u00e4ume haben, in denen wir uns treffen k\u00f6nnen. F\u00fcr manche von uns ist es schon ein Kampf, \u00fcberhaupt zu diesen Treffen gehen zu d\u00fcrfen. Aber hier tauschen wir uns aus. Hier vertrauen wir uns auch unsere Tr\u00e4ume, W\u00fcnsche und N\u00f6te an. Hier lernen wir voneinander. Hier helfen wir uns gegenseitig.  Hier erleben wir, dass jede unterschiedliche Schwerpunkte hat. Dass eine Frau um das Tragen ihres Kopftuches k\u00e4mpft und die andere um das Ablegen des Kopftuches.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir stellen fest, dass wir immer nur gelernt haben, f\u00fcr andere da zu sein und zu erf\u00fcllen, was andere von uns erwarten. Die Frage, was wir selber m\u00f6chten, haben wir uns bisher kaum gestellt. <br> So tasten wir uns langsam  an unsere eigenen W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse heran. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren den verschiedenen Geschichten der einzelnen Frauen zu, und erkennen Gemeinsamkeiten und Trennendes <br> Wir lernen, uns untereinander unsere Meinung zu sagen und wir lernen, andere Meinungen zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\nuns ist das die Frage nach der W\u00fcrde jeder einzelnen Person.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr ein eigenes Selbst-Bewu\u00dft-Sein!<br> Damit wir f\u00fcr uns selbst denken und sprechen lernen!<br> Damit wir die Freiheit haben, unseren eigenen Weg zu entwickeln!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weil wir gefl\u00fcchtete Frauen denselben Respekt einfordern, wie f\u00fcr alle anderen Menschen!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redebeitrag am internationalen Frauentages von G\u00f6ttinger Frauengruppe Viele Frauen von uns mussten aus verschiedenen L\u00e4ndern fliehen, weil Kriege uns t\u00f6ten und die Lebensgrundlage f\u00fcr uns und unsere Familien zerst\u00f6ren. 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